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Paradies Holbox: Ode an das Glück



Der letzte Abend im Paradies, in dem sie Spanisch sprachen, war angebrochen. Ich hatte tagsüber noch einmal ausgiebig dem Genuss all der Einzigartigkeiten, die dieser atemberaubende Flecken Erde zu bieten hatte, gefrönt. War am Strand entlang flaniert, im Meer geschwommen, hatte meine Füße von einer der Hängematten ins Wasser baumeln lassen, Cocktails geschlürft, geschäkert. Und dieses Türkis.


Zufrieden spazierte ich jetzt also zurück zum Hostel, holte mir an der Rezeption den Schlüssel zu einem der Fahrräder und brach auf zur Punta Coco.


Im Slalom steuerte ich den wackligen Drahtesel an den tiefen Schlaglöchern, die der Regen über Nacht in die mehrere Hundert Meter lange, kerzengerade Sandpiste gepeitscht hatte, vorbei in Richtung Westen. Mein Ausflugsziel war spärlich beschildert, sodass ich einige Umwege machte, bis ich schließlich am viel gerühmten Aussichtspunkt am Ende der Insel anlangte. Ich schloss das Fahrrad ab, nahm meinen kleinen Beutel aus dem Korb an der Lenkstange und trat zwischen Tropengebüsch hindurch auf den Strand hinaus.


Es hatte bereits zu dämmern begonnen, und das seichte Wasser, das sich zu meinen Füßen kilometerweit erstreckte, glimmerte golden. Einige Schaulustige hatten sich schon vor mir eingefunden und es sich mit Decken und Bierdosen entlang des schmalen Küstenstreifens gemütlich gemacht. Gemächlich, aber voller Erwartung schlenderte ich die lange Sandbank entlang, kniff die Augen zusammen und beobachtete die Wasseroberfläche.


Und da, in der Ferne, sah ich sie. Ich hielt inne, der Atem stockte mir, und in meiner Brust breitete sich schlagartig ein Gefühl grenzenloser Glückseligkeit aus. Dutzende Meter abseits der Küste, draußen im seichten Meer – ein ganzer Schwarm Flamingos, deren kräftiges Pink von den flachen Strahlen der Abendsonne reflektiert wurde.


Was für ein prächtiger Anblick. Es war einer dieser seltenen Momente unbeschreiblicher Gnade, wie ich sie auf meinen Reisen meist dann erlebte, wenn ich allein unterwegs war. Einer dieser Augenblicke, deren faszinierende Ästhetik sich ob des Umstandes zu potenzieren schien, dass man sie mit niemandem teilen konnte und entsprechend innerlich zu explodieren drohte.


Ich versuchte, mich ihnen ein wenig zu nähern, konnte meinen Blick keine Sekunde von ihnen lösen. Hinter mir die untergehende Sonne, die das Meer in einen schillernden Spiegel verwandelte, in dem sich nun auf der anderen Seite das warme Gold des Mondes ablichtete, durchbrochen von den rosigen Klecksen dieser anmutigen Vögel. Über mir in allen Rottönen leuchtende Quellwolken, die wie Scheinwerfer auf das Wasser und die Tiere hinab zu strahlen schienen.


Ich erinnerte mich an meine allererste Reise, die ich allein angetreten war. Ich war siebzehn gewesen und mit dem Zug drei Wochen lang durch Frankreich getingelt. Durch Zufall hatte ich herausgefunden, dass Pink Floyd in einem kleinen Amphitheater unweit von Lyon ein Konzert geben würden, hatte spontan ein Ticket gekauft und zu allem Überfluss dann das große Glück gehabt, einen Platz in der zweiten Reihe der Stehplätze, direkt vor der Bühne, zu ergattern. Und als die Großmeister dort über mir erschienen und Shine On, You Crazy Diamond anstimmten, während bunt flackernde Laserstrahlen durch das warme Licht der Dämmerung über meinen Kopf hinweg blitzten, da hatte ich damals gedacht: Wenn ich jetzt sterbe, ist es gut.


Was war das für ein privilegiertes Leben, welches mir erlaubte, eines derartigen Schauspiels, einer solchen Stimmung – hier, am anderen Ende meiner Welt und in komplett gegensätzlicher Kulisse – ein weiteres Mal Zeugin zu werden.


Ich wäre wohl ewig geblieben, hätte nicht die zunehmende Dunkelheit das Meer allmählich in bedrohliches Graublau getaucht, das nach und nach mit dem Oliv der den Küstenstreifen säumenden Flora verschwamm. In diesem Augenblick, in dem sich wie in der alten Erzählung Sonne und Mond einen flüchtigen Kuss zuwarfen, hatten sich Vergänglichkeit und Ewigkeit für einen Augenblick die Hände gereicht, und jetzt war es an der Zeit, aufzubrechen.


Nur noch einen letzten Blick.


Wie durch einen dieser Träume, die so wohlig waren, dass man nicht aufwachen wollte, segelte ich auf meinen zwei Rädern hinaus aus dem Garten Eden, zurück in die schwüle Realität der Sommernacht, und es begleitete mich dieses Gefühl, das sich auf Reisen immer dann einstellt, wenn man lange genug an einem Ort verweilt hatte. Das Gefühl, dass man alles gesehen hatte, dass es genug war – es würde mich nun ruhigen Gewissens weiterziehen lassen. Meine Stadt wartete bereits auf mich.



Hier lesen, wie die langersehnte Ankunft in San Cristóbal tatsächlich gewesen ist!

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