• Catalina

San Cristóbal, deine Drogen, deine Lehren



Ovidios Haus war beneidenswert schön. Nur wenige Parallelstraßen hinter der Fußgängerzone gelegen, gelangte man über einen abgeschlossenen Garagenbereich ins Innere. Die Eingangstür führte direkt in ein kleines Wohnzimmer mit Stereoanlage, von dort stieg man über ein paar Stufen zur offenen Küche empor. Ovidios Küche hatte sogar ein Backrohr. Ich dachte an meine eigene Bleibe, die ich für die paar Monate, die ich in der Stadt sein würde, mit José Luis teilte. Unser Haus hatte nicht einmal einen Kühlschrank, und einmal mehr staunte ich insgeheim darüber, wie wenig ich eigentlich zum Leben brauchte.


Im ersten Stock befanden sich zwei Zimmer und ein großzügiges Bad. Das war etwas, das ich – zugegeben – schon manchmal vermisste. Ein schön gefliestes, gemütliches, sauberes Badezimmer. Ich hatte das Duschen in meiner Unterkunft in San Cristóbal auf das allernotwendigste Minimum reduziert, denn von Wellnessgefühl bei der täglichen Körperwäsche konnte wahrlich keine Rede sein.


Das Spektakulärste aber war der Dachboden. Hier hatte Ovidio sich auf kleinstem Raum eine eigene Werkstatt eingerichtet – er war joyero, Juwelier. Die Straßen im Zentrum der Stadt waren gesäumt von jungen Frauen und Männern im Hippielook, die hier ihre Erzeugnisse verkauften. Die meisten waren Aussteiger, die sich aus dem Ausland abgesetzt hatten und damit nun ihren Lebensunterhalt bestritten. Es gab allerdings Leute, die felsenfest behaupteten, Ovidio sei der beste joyero in ganz Mexiko, und seine Werke waren tatsächlich imposant. Er arbeitete mit Jade, mit Bernstein, Rubin, mit Türkis und Sternsaphir. In seiner Werkstatt zeigte er mir nun seine Sammlung, seine Gerätschaften, über zwei hell ausgeleuchteten Schreibtischen waren auf einer Reihe Regale unzählige Schächtelchen akribisch gestapelt, und Ovidio war stolz auf seine Arbeiten. Sichtlich – und zurecht.


Ich hatte Ovidio während meines ersten langen Aufenthaltes in der Stadt kennengelernt. Uns hatte vom ersten Moment an verbunden, dass er bereits in Innsbruck gewesen war und ein paar Brocken Deutsch sprach, und wir hatten uns schnell angefreundet.


Als ihm zu Ohren gekommen war, dass ich mich wieder in der Stadt aufhielt, hatte er mich zu sich eingeladen. Wie schön, dich wiederzusehen, Cata.


Die Freude war ähnlich groß gewesen wie mein Erstaunen darüber, dass er sich über die Jahre kein Stück verändert hatte. Noch immer fiel ihm das tiefschwarz schimmernde Haar pfeilgerade über die Schulterblätter hinab, er glich einem Indianer und hatte tatsächlich indigene Wurzeln, wie er irgendwann an diesem Abend erzählen würde.


Wir tranken, rauchten und berichteten einander von den Abenteuern, die das Leben in all den Jahren für uns bereitgehalten hatte. Es war ein wundervoller Abend. Bis zu dem Zeitpunkt, als ein paar von Ovidios Freunden dazustießen und, wie so viele Male zuvor in diesem Mexiko, sein Verlauf eine unerwartete Wendung nahm.


Etwas an Ovidios Freunden bescherte mir Unbehagen. Sie waren mir nicht sympathisch, ihre Anwesenheit stresste mich, die Art, auf die sie sich unterhielten, über Kraftsport, über Mexiko – und über Drogen. Ich hielt mich im Hintergrund, lauschte still ihren Gesprächen, ging nach draußen, steckte mir eine Zigarette an und hoffte, die Ablehnung, die ich aus irgendeinem Grund ihnen gegenüber empfand, wäre nicht allzu offenkundig.


Es dauerte ein paar Minuten, anderthalb Zigaretten waren es, um genau zu sein, bis Ovidio aus dem Wohnzimmer zu mir nach draußen trat. Wenn du wissen willst, wie DMT hergestellt wird, dann musst du jetzt reingehen. Es ist sehr interessant!


Mit einem aufmunternden Lächeln kehrte er mir den Rücken und ging zurück ins Haus. Ich zückte mein Telefon. DMT? Sofort war mir selbstredend klar gewesen, dass es sich dabei nur um eine Substanz handeln konnte, die dazu gedacht war, sie auf die eine oder andere Weise einzunehmen. Kannte ich die hiesige Bezeichnung nur nicht oder hatte ich davon tatsächlich nie zuvor gehört? Ich tippte die drei Buchstaben ins Display. Dimethyltryptamin... … das stärkste Halluzinogen der Welt… … sehr starkes Psychedelikum mit einer kurzzeitigen Wirkung… … es gibt wahrscheinlich keine verrücktere Droge… … führt zu einer ausgeprägten Veränderung des visuellen Erlebens. THC nicht unähnlich, war DMT ein pflanzlicher Wirkstoff, der mittels eines scheinbar relativ einfachen Kochverfahrens innerhalb weniger Verarbeitungsschritte aus bestimmten Gewächsen gewonnen wurde.


In den Wochen vor meiner erstmaligen Abreise nach Mexiko, als noch jugendliche Frau, hatte ich vermehrt über die Thematik sinniert. Aus der geschützten Blase meines Elternhauses würde ich ins Zentrum des Drogenhandels ziehen, und mir war bewusst gewesen, dass ich früher oder später in irgendeiner Form damit in Berührung würde kommen. Ich hatte mir die einfache Strategie zurechtgelegt, stets besonnen zu agieren. Hatte einen Pakt mit mir geschlossen: Wenn nur ein kleinster Faktor in einer solchen Situation dich verunsichert – eine Person, die dir nicht zu Gesicht steht, eine Umgebung, in der du dich nicht wohlfühlst, eine Aussage, die dir nicht gefällt –, dann wirst du dich hüten, dich auf irgendetwas einzulassen.


Zeit meines Lebens war ich mit dieser Art Fahrplan gut beraten gewesen. Als neugierigen Menschen mit ausgeprägtem Hang zu allem Abenteuerlichen hatte mich das Vertrauen in mein inneres Warnsystem stets vor schlechten Erfahrungen mit neuen Menschen, auf Reisen, in unbekannten Situationen bewahrt. Gut – Liebesdinge mal ausgenommen. Aber das war eine andere Geschichte.


Sicher waren es, neben meiner eigenen Persönlichkeitsstruktur, auch die Ängstlichkeit und Besorgnis meiner Eltern gewesen, die mich in meiner Erziehung mit ansehnlichen Portionen Vernunft und auch Argwohn ausgestattet hatten. Auch jetzt hinderte mich jedenfalls jener gedankliche Vertrag mit meinem zweiundzwanzigjährigen Ich daran, meiner Neugierde nachzugeben. Selbst das wiederholte Einwirken Juans, eines Mexikaners mittleren Alters und jenes Charakters der illustren Runde, der mir von allen am unliebsamsten erschien – komm, sei nicht langweilig, setz dich her und zieh doch auch mal – änderte daran nichts. Im Gegenteil, sein unsensibles Insistieren verstärkte noch meine innere Abwehrhaltung und bestätigte außerdem meinen dürftigen ersten Eindruck von diesem Subjekt.

Dennoch – ich wusste, dass ich bei Ovidio sicher und gut aufgehoben war, und bei aller Beklommenheit war ich immer noch neugierig. Also blieb ich, abseits am Küchentisch lungernd, und beobachtete quasi vom Zuschauerrang aufmerksam und gespannt das Geschehen.


Auch Ovidio hielt sich außen vor, blieb nüchtern. Er versorgte mich mit Getränken, fragte in die Runde, ob jemand Hunger hätte. Seine drei Freunde saßen unten auf den beiden Sofas um einen kleinen Wohnzimmertisch, und jedes Mal, wenn nun einer von ihnen an der provisorisch aus Alufolie gebastelten Pfeife zog, sank dessen Kopf in Sekundenschnelle auf die Lehne zurück, sein ganzer Körper schien dann wie gelähmt, unbeweglich, abwesend, aber mit zufriedenem Ausdruck um die Mundwinkel. Nach zwei oder drei Minuten war der Spuk jeweils vorbei und die betreffende Person schien wie aus einem tiefen Schlaf aufzuwachen.


Ich ließ mir von Ovidio die Wirkung genau erklären, wollte wissen, was man sah und fühlte, dachte, jedes Detail. Was er beschrieb, die Farben, die Auflösung des Zeit-Raum-Kontinuums – er verglich es mit Dalís "zerrinnender Zeit" –, die Erkenntnisse, das alles klang aufregend, reizvoll und gleichzeitig unbedenklich. Er strich heraus, dass man, im Gegensatz zu anderen Substanzen, mit DMT das Bewusstsein über den eigenen Zustand nicht verlor, sich über die gesamte Dauer im Klaren war also, dass die Erfahrung künstlich hergeleitet worden war. Darin lag wohl der Umstand begründet, dass es keine "Horrortrips" verursachen konnte, wie er behauptete. Ich wusste es ja nicht und konnte es ihm nur glauben.


Selbst herausfinden wollte ich es lieber nicht. Denn es mutete, was sich zur gleichen Zeit unterhalb im Wohnzimmer abspielte, nur allzu sehr nach Kontrollverlust an, zumindest nach körperlichem. Ich horchte in mich hinein. Der Anblick war abtörnend, abstoßend, und meine Gefühlsreaktion überraschte mich dabei nicht im Geringsten. Kaum jemand mochte es wohl, die Kontrolle zu verlieren, aber gerade für mich war allein die Vorstellung die reinste Qual. Auch, wenn ich das prickelnde Ungewisse insgeheim liebte, war ich doch immer lieber noch Frau meiner Körperfunktionen. Hätte ich mich darauf eingelassen, ich hätte den Anwesenden, mit Ausnahme von Ovidio, kein Stück vertraut.


So vieles war neu in San Cristóbal. Lokale, die ich geliebt hatte, hatten anderen Platz gemacht, so mancher Salsaschuppen hatte dem einen oder anderen Elektronikclub weichen müssen, und einige dieser Veränderungen erfüllten mich mit Wehmut.


Eines aber war gleichgeblieben. Mexiko war noch immer ein Mekka der Drogen, an allen Ecken war es ein Leichtes, an jede beliebige Substanz zu kommen, und ich, selbst nicht beteiligt, war einmal mehr komplett unbeabsichtigt inmitten einer dieser grotesken Gesellschaften gelandet und konnte die abstrusesten Vorgänge beobachten und die Menschen, ihr Wesen, ihre Reaktionen studieren.


Jemand hatte einmal zu mir gesagt, die eigene Lebenserfahrung sei manchmal teuer, die Lebenserfahrung anderer hingegen von unschätzbarem Wert. Und tatsächlich lehrte mich die Beobachtung jener anderen an diesem Abend etwas schier Unbezahlbares.


Ich durfte mir vertrauen.


Ich war gereift, mein Blick schärfer, mein Urteil differenzierter, meine Haltung kritischer geworden. Noch immer faszinierte mich das Unbekannte, das Riskante, war ich dankbar für diese bizarren Begegnungen, die einem das Leben meist dann bescherte, wenn man die eigene Komfortzone zu verlassen gewillt war. Aber mein Instinkt, mein inneres Leitsystem, von dem ich befürchtet hatte, es sei mir verlustig gegangen, funktionierte einwandfrei und zeigte mir meinen Weg. Es hatte sich nicht verabschiedet, sondern seine Stimme war nur zunehmend brüchiger geworden, weil ich im Nebel meiner wachsenden Sehnsucht nach Intensität und dem gleichzeitigen, ängstlichen Streben nach Sicherheit nicht mehr hingehört hatte. Aber wenn es darauf ankam, wirklich ankam, dann war Verlass auf mich.


Und noch etwas erfuhr ich in dieser Nacht über mich.


Ja, ich hatte nach dem Leben gesucht, nach dem Feuer, nach Leidenschaft, Erkenntnis, danach, anzukommen. Und ich ahnte, dass man all das für einige Augenblicke künstlich herbeiführen konnte. Mich aber hatte etwas anderes angetrieben.


Es war die Schutzlosigkeit, die der zwischenmenschlichen Beziehung innewohnte. Ich sehnte mich nach echtem Kontakt, nach tiefem Verständnis – und nach der kribbelnden Gefahr, die diese seltenen Begegnungen bargen.

Ich erkannte, was es gewesen war, das den vergangenen Tagen meiner ersten Reise über den Ozean derart Kraft eingehaucht hatte: die Intensität der südländischen Lebensführung, die sich widerspiegelte in der Weise, auf die sie hier in Beziehung gingen, und sich manifestierte in ihrem Blick. Der Blick eines Mexikaners war das fleischgewordene Antonym jener leidigen europäischen Unverbindlichkeit, er war die Abrissbirne für jede noch so sorgfältig zementierte Fassade, er bedeutete Verbindung, und das war es, was ich wollte und was mir über die Jahre abhanden gekommen war.


Ich war einsam. Zutiefst einsam.


Drogen mochten Lebendigkeit und Intensität vorgaukeln, Verständnis und Geborgenheit. Sie können dich sehen lassen, spüren – aber sie erwidern niemals deinen Blick.



Auch von seiner weniger einladenden Seite zeigt sich mir dieses Mexiko... Hier weiterlesen!

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