• Catalina

Paradies Holbox: Im Golfcart des Todes



Nach einer guten Dreiviertelstunde Überfahrt legte die Fähre an einem kleinen Hafen an. Es war inzwischen vollständig dunkel geworden, und im matten Gold der Straßenlaternen zeichneten sich sachte die Umrisse von Kokospalmen und einstöckigen Gebäuden mit flachen Dächern ab. Ich kletterte von Deck und wartete darauf, dass mein Gepäck mir ausgehändigt würde, welches im hinteren Teil des Bootes gestapelt gewesen war, während Akro-Yoga, Heavy Petting und Herr und Frau Trekkingsandale längst in alle Richtungen in die karibische Nacht hinausgeströmt waren.


Eine asphaltierte Plattform führte hinüber zum nahegelegenen Taxistand, und wie ich später entdecken würde, war dies der einzige befestigte Streifen auf einem Netz aus Sandpisten, die in akribisch angelegten Quadraten die Strände der Insel miteinander verbanden.


Ich zog meine schwarze Reisetasche hinter mir her und schleppte mich über den breiten Steg. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, in welcher Richtung mein Hostel lag, und für einen Moment streifte mich der Gedanke an frühere Generationen und daran, wie diese wohl ohne diverse smarte Applikationen zur Orientierung überlebt haben konnten. Freilich, man hätte sich durchfragen können – aber die Schwerkraft schien an diesem Abend doppelt so stark als sonst an meinen Schultern zu zerren, und bevor die verzweifelte Suche nach meiner Unterkunft im buchstäblichen Sande verlaufen würde, ließ ich mich lieber chauffieren, selbst für den Fall, dass die Fahrt keine halbe Minute dauern würde.


Taxis im klassischen Sinn gab es hier nicht. Vielmehr waren es Golfcarts, die Einheimische wie Gäste von A nach B beförderten. Ähnlich den thailändischen Tuk-Tuks nahm man auf einer gepolsterten Rückbank Platz, und ich genoss das Cabrio-Feeling und hätte mich am liebsten schnurstracks hingelegt und ein Nickerchen gemacht. Mein Fahrer allerdings hatte wohl an diesem Abend noch etwas Wichtigeres vor, oder aber er war schlicht des Lebens müde und hatte mich kurzerhand als Begleiterin auf seiner finalen Reise nach Xibalbá, in die neunstufige Unterwelt der Maya, auserkoren - jedenfalls fegte er wie die redensartliche gesengte Sau über die holprige Schotterstraße. Es hatte gewittert vor meiner Ankunft, der Regen hatte die schmale Straße in ein Meer aus Schlaglöchern verwandelt, und das verschaffte mir nun also ganz nebenbei auf dieser allerletzten Etappe zum ersten Stopp meiner Reise eine adrenalingeschwängerte Ganzkörpermassage.


Du hast den weißen Van überlebt. Der Gedanke wurde zu meinem Mantra, das ich mir während meiner Rennfahrt im Golfcart des Todes gebetsmühlenartig vorsagte. Du bist in Mexiko alleine in einen weißen Van gestiegen und hast überlebt. Das ist jetzt nicht das Ende. So knapp vor dem Ziel kratzt du nicht ab.Und wenn doch, dann bist du immerhin schon im Paradies, witzelte da unversehens eine Stimme. Ich erkannte sie umgehend und wollte meinen Ohren kaum trauen. War es möglich? Hatte mein innerer Zyniker, diese hintertückische Arschgeige, sich etwa als blinder Passagier die ganze Zeit über bloß versteckt und meldete sich jetzt, wie gewohnt im unpassendsten Moment, plötzlich zu Wort? Aber gut, es sollte mir nur recht sein, auf den war wenigstens Verlass. Wäre halt schön gewesen, das Paradies auch mal bei Tageslicht zu bestaunen, entgegnete ich trotzig. Na, na, wir wollen doch nicht gierig werden.



Ich mag die Fahrt im weißen Van überlebt haben. Dennoch wurde sie zur teuersten meines Lebens.

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