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San Cristóbal: Ein Herz und eine Seele



Warum bist du zurück? Wie ein Damoklesschwert hing die Frage über unser beider Köpfe, schwebte schwer über einem gedeihenden Stillleben aus Zigarettenstummeln, Servietten und Bierdosen. Weil du gesagt hast, dass ich kommen soll. José Luis lachte laut auf.


Im kommenden Jahr würde ich mein zehnjähriges Mexikojubiläum feiern. War das möglich? Eine Dekade schon seit meiner Jungfernfahrt ins Land des mezcal, der sombreros und mariachis? Ich konnte es kaum glauben. Sie war wie im Flug vergangen und hatte sich gleichermaßen eine Ewigkeit hingezogen.


Wann immer ich an meine Zeit in San Cristóbal zurückgedacht hatte, hatte sich in meinem ganzen Körper ein bittersüßes Gefühl wohliger, vertrauter Sehnsucht ausgebreitet. Es war eine Zeit tiefer Emotionen gewesen, großer Liebe, eine Zeit der Feste, die man in Lateinamerika von der Redensart zum Lebensalltag machte, weil man sie tatsächlich feierte, wie sie eben fielen. Und es fiel jeden Tag eines – mindestens. Eine Zeit, in der mir pausenlos der Kopf geraucht hatte vom Spanischlernen und den Unmengen an Tequila. Ich hatte Freundschaften geschlossen, von denen so manche bis heute gehalten hatte, ich hatte mich endlich zu Hause gefühlt mit meiner Langsamkeit, meinem von frühester Kindheit an sich niemals vor den Abendstunden entfaltenden Naturell – so ausgeprägt, dass es jede Nachtigall in den Mondschatten stellte. Ich hatte nächtelang Salsa getanzt, von der Dämmerung bis ins Morgengrauen. Nie zuvor – und nie wieder seither – hatte ich mich so lebendig gefühlt wie während der etwa anderthalb Jahre in dieser Stadt.


Immer hatte ich zurück gewollt. Hatte, wieder in der Heimat, der wunderbaren Illusion vom freien Leben, das singend und tanzend verbracht werden wollte, hinterhergejagt wie einem Schmetterling, der in den schillerndsten Farben leuchtete und mir am Ende immerzu entwischte, fröhlich flatternd sich mokierte über meine buchstäbliche Unzulänglichkeit. Du kriegst mich nicht.


Aber die Monate schritten voran, waren zu Jahren geworden, in denen die europäische Vernunft meinen Geist gewaltsam zurück in ihr Territorium gerissen hatte. Ich zwang mich durch eine Ausbildung, ging arbeiten, nahm einen Kredit auf, kaufte – mit der Unterstützung einer vorzeitig ausbezahlten Erbschaft meiner Eltern – eine Wohnung. Ich lebte in einer Beziehung, an die ich mich verbissen und derart verzweifelt klammerte, dass mit ihrem letztlich längst überfälligen Ende mein Leben einen gefährlichen Totalschaden erlitt. Ich kollabierte, ich implodierte und hatte Angst um mich.


Ich hatte einen Teil von mir zurückgelassen, irgendwo in der Vergangenheit, und ich hatte ihn weder in meinem Studium, noch in meiner Arbeit, noch in meiner Wohnung und schon gar nicht in meiner Beziehung wiederfinden können. Einzig meine Familie und einige Freunde waren es, die quasi als lebenserhaltende Maßnahmen fungierten, Halt gaben, Ohren liehen, unermüdlich. Aber ein Teil von mir, einer, den ich zu Beginn meiner Zwanziger erst entdeckt und sehr schnell sehr liebgewonnen hatte, schien unwiederbringlich verloren.


Warum bist du zurück?


En San Cristóbal yo perdí mi alma y mi corazon. In San Cristóbal habe ich meine Seele und mein Herz verloren. Es war der Refrain eines Reggae-Songs – jenes Liedes, das die Liveband im Madre Tierra in den Morgenstunden stets als Ankündigung der letzten Runde und der baldigen Sperrstunde angestimmt hatte. Eine einzige Zeile, die, nicht besonders tiefgründig und schlicht in der Formulierung, zum Goldtopf geworden war, der am Ende des Regenbogens auf mich wartete. Über Jahre hinweg, meine Zwanziger, den Beginn meiner Dreißiger, hatte sie nachgehallt, diese Textzeile, war zu meiner Realität geworden, zu meinem Fluch.


In San Cristóbal hatte ich mein Herz gelassen, meine Seele, und bis in die Gegenwart waren beide in den gepflasterten Gassen dieser magischen Stadt unauffindbar verschollen gewesen. Ich musste sie wiederfinden. Und deshalb war ich zurück.



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